Du möchtest nur eine Nachricht beantworten. Zwanzig Minuten später hast du Videos, Werbung, Nachrichten und fremde Lebensgeschichten gesehen. Du kannst dich kaum erinnern, was davon wichtig war. Trotzdem bewegte sich dein Daumen weiter.
— Die Macht des vielleicht —
Ein Feed muss nicht ständig interessant sein. Im Gegenteil: Wäre jeder Beitrag gleich gut, würde sich der Reiz schnell abnutzen. Entscheidend ist die Unvorhersehbarkeit. Der nächste Beitrag könnte langweilig sein. Er könnte dich aber auch überraschen, empören oder zum Lachen bringen.
Genau dieses „Vielleicht“ macht auch Glücksspiele wirksam. Nicht jeder Versuch wird belohnt. Die Belohnung erscheint unregelmäßig – und gerade deshalb wird der nächste Versuch so verführerisch.
Beim Scrollen wird kein Hebel gezogen. Der Körper führt dennoch eine vergleichbare Bewegung aus: wischen, warten, prüfen. Jeder neue Inhalt ist ein kleines Los.
„Wir bleiben nicht, weil alles interessant ist. Wir bleiben, weil jederzeit etwas Interessantes kommen könnte.“
— Aufmerksamkeit ohne Erinnerung —
Das eigentliche Produkt des Feeds ist deshalb nicht Information. Es ist die Bereitschaft, noch einen weiteren Beitrag anzusehen.
Dabei entsteht ein merkwürdiger Zustand: Wir nehmen immer mehr Inhalte auf, besitzen danach aber oft weniger zusammenhängende Gedanken. Der Feed liefert Ereignisse ohne Ordnung, Empörung ohne Konsequenz und Wissen ohne Gedächtnis.
Vielleicht ist Langeweile deshalb nicht das Problem, vor dem uns der Feed schützt. Vielleicht ist Langeweile genau jener Zustand, den er verhindern muss – weil in ihr der Daumen aufhört und der eigene Gedanke beginnt.